In einem längst vergessenen Seitental in Tirol stand vor hundert Jahren ein altes, herrschaftliches Haus. Unzählige Generationen lang war es stolzer Familiensitz der Schatzhubers. Ein gieriger und geiziger Clan, dem damals alle Höfe und Äcker im Tal gehörten. Die armen Bauernfamilien mussten sämtliche Erträge abliefern und die Schatzhubers verkauften sie ihnen zu unverschämten Preisen zurück. So war die Familie immer reicher geworden und die Bauern waren bald hoch verschuldet. Viele konnten im Winter keine Kohlen kaufen und nagten am kalten Herd gefrorenes Brot. Mancher kam vom Feuerholz sammeln nicht zurück und man fand im Frühjahr was die Wölfe übrig ließen. Als die Kinder am eisernen Tor des Herrenhauses um Kohlen für die Küchenöfen bettelten, jagte sie der alte Schatzhuber mit seinen Hunden davon. Der Tod seiner Frau hatte ihn boshaft und hartherzig gemacht, denn sie ließ ihn kinderlos und allein zurück. Am Weihnachtsabend wurde in der kleinen Kapelle die Adventskerze entzündet. Während draußen ein eisiger Wind an den Fenstern kratzte, beteten die Bauernfamilien zitternd für ein Wunder.

 

Die Glut

Als sich ein glitzernder Sternhimmel über das tief verschneite Tal legte, schloss der alte Schatzhuber die schwere Haustür doppelt ab und ließ seine Hunde hungrig Wache halten. Zaghaft tastete er sich in den steinernen Keller hinab und warf einige Handvoll Kohlen in das weit aufgerissene Maul des gusseisernen Ofens. Ein monströses Ungetüm von einer Maschine, in dem ohne Unterlass eine lodernde Höllenglut brannte, die selbst dem alten Schatzhuber einen eiskalten Schauer über den Rücken kriechen ließ. Mit einer schweren Eisenstange schloss er die glühende Luke und schob den Riegel vor. Erschöpft auf seine Stange gestützt, starrte der alte Schatzhuber in die Flammenwut, die gierig an den Gittern leckte. Als er sich schließlich schlafen legte, schmeckte er den heißen Ruß noch lange in der Luft.

 

Das Klopfen

Zu Mitternacht zählte die Glocke der kleinen Kapelle zwölf gespenstische Schläge durch das schlafende Tal. Als der letzte noch nicht verhallt war, wurde der alte Schatzhuber von einem lauten Klopfen geweckt. Hellwach saß er kerzengerade im Bett und lauschte in die Dunkelheit. Da war es wieder: Wumm, wumm, wumm. Drei deutliche Schläge, und schon ungeduldiger als zuvor. Hastig schlüpfte der Hausherr in seine Pantoffeln und warf sich seinen Hausmantel über. Wumm, wumm, wumm. Er fluchte und verbrannte sich die Finger als er hastig den Docht der Öllaterne entzündete. Wumm, wumm, wumm! Beinahe stürzte er über seine schlafenden Wachhunde, als er die Stufen zur Haustür hinunter stolperte. Hastig drehte er den Schlüssel, zog die schwere Tür auf und verschluckte sich an ein paar tanzenden Schneeflocken - denn draußen stand niemand.


WUMM. WUMM. WUMM. Wieder das Klopfen. Es kam ganz deutlich aus dem Keller. Unten angekommen fror ihm das Blut in den Adern, so ohrenbetäubend dröhnte das Klopfen aus dem Ofen. Er schloss die Eisenstange fest in beide Hände und stieß den Riegel auf. Sofort flog die Luke auf und ein feuriger Arm fuhr ins Freie, krallte sich am Eisen fest und zog einen schwelenden Körper aus dem Ofenloch. Aus dem Kamin stieg ein Herr mit Schnurrbart und Zylinder und klopfte sich den Ruß aus dem flammenden Gehrock. Die Erscheinung blickte dem alten Schatzhuber mit gleißendem Blick in die Augen und räusperte sich wie sich nur ein Vater räuspern kann.

 

Das Schicksal

“Mein Sohn”, sprach er, “mir bleibt wenig Zeit, die Höllenfürsten suchen mich schon. Ich bin gekommen dir das Schicksal unserer Verdammnis zu offenbaren!” Mit großen Augen lauschte der alte Schatzhuber den Worten seines längst verstorbenen Vaters. Er war aus der tiefsten Hölle emporgestiegen, wo die Schatzhubers für ihre Sünden büßen mussten: “Wir waren den Menschen im Tal keine guten Herren”, gestand der väterliche Geist, “das nimmt man dort unten leider sehr genau.”, er deutete vielsagend auf den Ofen. “Komm und sieh selbst!”, befahl der Alte. Zaghaft trat der alte Schatzhuber an die Ofenluke und blickte hinein.
Drinnen saßen seine Ahnen in der heißesten Höllenglut und zitterten vor Kälte. Und je mehr Kohlen sie schürten, desto schrecklicher froren sie. Entsetzt sprang der Hausherr zurück und wollte die Türe schon zuwerfen, doch der Vater hielt sie eisern fest: “Sieh hin! Dies ist auch dein Schicksal, mein Sohn! Die feurigen Häscher erwarten dich schon!” Verzweiflung übermannte den Greis, er bettelte und flehte den Geist um Gnade. “Auch im Antlitz ewiger Verdammnis, denkst du nur an dich selbst.”, tadelte der Vater traurig. “So wirst du deine arme Seele nicht retten können.” Er stieg schwerfällig in das glutrote Loch und warf die Tür zu, dass die Funken stoben. Draußen im Tal schlug die Turmuhr gleichzeitig einen einsamen Glockenschlag.

 

Der Morgen

Als im Tal der Morgen anbrach, wurden die Bauern noch vor ihrem Tagwerk von einem seltsamen Läuten geweckt. Ein gleichmäßiges Schlagen das nicht vom Glockenturm der kleinen Kapelle kam. Als immer mehr Bauern vor ihre Häuser traten und das Schlagen und Läuten nicht verstummen wollte, taten sie sich zusammen und stapften durch den tiefen Schnee zum Anwesen der Schatzhubers. Sie fanden das schwere Eisentor weit offen stehen und schwarze Fußspuren im Schnee. Sie folgten der rußigen Fährte vorbei an einem Schinkenturm und drei vollgefressen Hunden bis in den Keller. Zwischen Bergen von Kohlen fanden sie tief unten den monströsen Eisenofen, auf den der alte Schatzhuber mit einem schweren Hammer unablässig einschlug. Lachend beschenkte er sie mit so viel Kohlen, wie sie tragen konnten, kleidete sie in seine wärmsten Kleider, gab ihnen Vorhänge, Kerzen und Vorräte mit und hieß sie dann doch wiederkommen, um noch mehr zu holen. Niemand sprach zu alledem auch nur ein Wort, denn es gab überall nur Staunen und gute Taten.

 

Der Segen

Am zweiten Tag fanden sie den Alten betend in der Kapelle als immer mehr Arbeiter aus der Stadt kamen. Unter seinen wachsamen Augen trugen Tagelöhner die Bruchstücke des alten Ofens ab. Dreißig Mann mit vereinten Kräften zählten die Bauern allein am Ofenrohr. Längst hatten sie wieder Worte gefunden und tuschelten emsig untereinander. Und als am dritten Tag Wissenschafter von der Universität mit Bohrarbeiten unter dem Anwesen begonnen, da fragten sie den alten Schatzhuber selbst was er vorhatte. Aber er konnten den Bauern nur schwer erklären, wie Heizwärme ganz ohne Kohlen und Kachelofen, einfach aus der Erde käme. Manche munkelten schon der Alte wäre wahnsinnig geworden und wolle die Hölle selbst anzapfen. Aber als Kirche und Gemeinde kamen, wollten sie nicht zugeben, dass auch sie die Wissenschafter nicht verstanden und segneten den Prototypen der schmiedeeiserne Erdwärmepumpe mit lateinischen Gebeten. Und noch bevor das neue Jahr anbrach, war der Alte gestorben und hatte dem kleinen Ort ein Waisenhaus geschenkt, in dem kein Kind je wieder ohne Kohlenfeuer frieren musste. Wer das Tal findet, findet das herrschaftliche Steinhaus ohne Schornstein dort bis heute.